Bedienung
Die Steuerung eines Elektrorollstuhls wird an die individuellen motorischen Möglichkeiten der Nutzer:in angepasst. Vom Standard-Joystick bis zur Augensteuerung gibt es ein breites Spektrum.
Joystick-Steuerung
Die mit Abstand häufigste Steuerung: ein analoger Joystick, meist rechts oder links an einer Armlehne montiert. Geschwindigkeit und Richtung werden proportional zum Hebelwinkel ausgegeben. Auslenkung nach vorn = vorwärts, nach hinten = rückwärts, zur Seite = drehen. Zusätzliche Tasten schalten Profile (Innen/Außen), Beleuchtung, Sitzfunktionen.
Voraussetzung: Greif- und Bewegungsfähigkeit der Hand. Bei eingeschränkter Feinmotorik (Tremor, MS, ALS-Frühstadium) helfen angepasste Joystick-Köpfe — größere Knäufe, Mulden, Spezialgriffe — und die Anpassung der Steuerungsdynamik (Empfindlichkeit, Totband, maximale Geschwindigkeit).
Kinnsteuerung
Bei Tetraplegie ohne Armfunktion wird der Joystick durch einen Kinn-Hebel ersetzt — ein kleiner Steuerknüppel vor dem Kinn, der durch Kinn- oder Lippenbewegung bedient wird. Der Mechanismus ist identisch zum Joystick, nur die Bedienstelle wandert.
Kopfsteuerung
Kopfstütze mit eingebauten Drucksensoren (oder Bewegungssensoren). Der Kopf wird in die jeweilige Richtung gelehnt, um zu fahren. Häufig bei hoher Tetraplegie eingesetzt. Schwieriger zu beherrschen als Joystick — die Kopfbewegungen sind nicht so präzise, deshalb wird oft mit reduzierter Geschwindigkeit gefahren.
Sip-and-Puff-Steuerung (Saug-Blas-Steuerung)
Ein Schlauch wird vor den Mund geführt. Durch Saugen und Blasen — jeweils kurz oder lang — werden vier Befehle ausgelöst: vor, zurück, rechts, links. Anwendung bei vollständiger Lähmung von Armen und Beinen, oft kombiniert mit Halsmuskel- oder Augensteuerung. Erfordert intensive Einweisung und Übungsphase.
Augensteuerung (Eye Tracking)
Eine Kamera erkennt die Blickrichtung. Wird vor allem im Zusammenhang mit Sprach-Computern entwickelt (z. B. ALS-Patient:innen) und zunehmend auch als Rollstuhlsteuerung evaluiert. Noch selten als reguläre Versorgung, aber Forschungs- und Pilotprojekte existieren. Sie ist aufwendig zu kalibrieren und erfordert konstante Lichtverhältnisse.
Weitere Sondersteuerungen
- Fußsteuerung: bei reiner Armlähmung, Joystick wird unter dem Fuß platziert.
- Tastersteuerung: einzelne Drucktaster für vor, zurück, links, rechts — bei stark eingeschränkter Feinmotorik.
- Gehäuse-Switches: kleinste Schalter, die mit dem Finger, Kinn oder Zunge bedient werden.
- BCI (Brain-Computer-Interface): experimentell, in Forschung — Steuerung über Hirnstromsignale.
Welche Steuerung für welche Beeinträchtigung?
| Beeinträchtigung | Empfohlene Steuerung |
|---|---|
| Eingeschränkte Beinkraft, Arme funktionsfähig | Joystick (Standard) |
| Tremor, MS-Spasmen | Joystick mit angepasster Empfindlichkeit, Spezialknauf |
| Tetraplegie mit Schultergelenkfunktion | Joystick mit verlängertem Hebel, Mini-Joystick |
| Tetraplegie ohne Armfunktion | Kinnsteuerung |
| Sehr hohe Tetraplegie | Kopfsteuerung oder Sip-and-Puff |
| Vollständige Lähmung (Locked-in) | Augensteuerung, BCI (experimentell) |
Bus-Systeme und Vernetzung
Moderne Elektrorollstühle verwenden meist proprietäre Bus-Systeme wie R-Net (PG Drives) oder VR2 (DX2). Über diese Systeme lassen sich Joystick, Sitzverstellung, Beleuchtung und externe Geräte (Computer, Tablet, Sprachausgabe) zentral ansteuern. Bei modular aufgebauten Versorgungen kann eine Steuerung im Bedarfsfall um Komponenten erweitert werden.